Hypnose ist anders

Blaubert und GrünhildeHypnose ist anders als in alten Spielfilmen. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. Grünhild klingelt und fühlt sich wohl. Ein Kribbeln geht durch den Körper. Das gute Gefühl bleibt.

„Du willst dich hypnotisieren lassen?“
„Ja.“
„Dich ausliefern?“
„Na ja“
„Dass der Hypnotiseur mit dir machen kann, was er will?“

als in alten Spielfilmen

So ist es nicht.
Ein bisschen enttäuscht war Grünhild tatsächlich, als sie erfuhr, dass die Blaubert, der Hypnotiseur, sie nicht in Trance versetzen wollte. So, wie sie es aus alten Spielfilmen kannte, wo Menschen unter Hypnose so manipuliert werden, dass sie beispielsweise einen Menschen erschossen, sobald sie ein bestimmtes Lied hörten.
Ohne den eigenen Willen geht mit Hypnose nichts.
Geht vermutlich nicht einmal Hypnose.
Die Bereitschaft dafür muss da sein.
Das Bewusstsein ist nicht weg.
Die Erinnerung an jedes einzelne Wort bleibt.
Und an das Gefühl.
Dafür setzt der Hypnotiseur so genannte „Anker“.

Das Gegenteil von „gut“

Wenn Loslassen einfach wäre, könnte es jeder.
Es gäbe keine Mütter, die ihrem erwachsenen Sohn die Jacke hinterher tragen, weil es draußen kalt ist. Keine Väter, die ihrem Sohn den richtigen Ausbildungsplatz suchen. Viele von Loriots Geschichten wären nie geschrieben worden. Zum Beispiel die Geschichte, in der die Frau ihrem Mann einen Mantel oder wenigstens die Zeitung holen will.
Das Gegenteil von „gut“ ist nicht „böse“ sondern „gut gemeint“

ist „gut gemeint“

Grünhild meint es gut mit ihrem Sohn.
Es ist wie in der Geschichte von Loriot. Er macht nichts und Mutter holt den Mantel.
Im übertragenen Sinne. Er macht nichts, weil er nicht weiß, was er machen möchte.
Er wird es nicht herausfinden, solange Grünhild ihm sagt, was er tun soll, entscheidet, was gut für ihn ist. Grünhild weiß das. Und trotzdem bringt sie ihm Essen in seine Wohnung, organisiert Arzt- und Vorstellungstermine, schleppt Zeitungsartikel, Stellenangebote und Links von Studienportalen an.
Sie lässt nicht los.
Die Folge sind Unselbständigkeit, mangelndes Selbstwertgefühl, Depressionen.
Mit dem Wunsch helfen zu wollen, zieht sie ihn weiter nach unten.
Und Grünhild leidet mit.

Grünhild klingelt
Grünhild ist früh dran, als sie an der Hypnosecoachpraxis klingelt.
Sie fühlt sich wohl, als sie sich in die Relaxliege legt.
Blaubert breitet eine Decke über sie aus, wickelt die Beine ein.
„Hör auf die Musik“, sagt sie.
Und: „Schau auf meine Finger.“
„Deine Augenlider werden schwer.“
Man kennt das ja aus dem Fernsehen.
„Ich zähle bis Fünf und dann schließt du deine Augen. Eins.“
Zwischen den einzelnen Zahlen spricht Blaubert. Worüber? Ist das wichtig? Die Stimme ist angenehm. Ruhig. Entspannend.
Was dann kommt, erinnert an Yoga Nidra. Konzentration und Entspannung. Fühlen und Atmen.
„Bei Drei öffnest du die Augen. Du bist ganz wach und kannst mit mir sprechen.“

Es geht ihr gut.

„Geht es dir gut?“
Ja.
Ein Kribbeln geht durch den Körper.
„Ich brauche deine Hände“, sagt Blaubert und legt sie geöffnet auf Grünhilds Bauch. Entspannt und geöffnet.
Die Hände sollen aufnehmen, was Grünhild belastet, was sie loslassen möchte. Später sollen die Hände sich ohne Grünhilds Einfluss selbständig umdrehen und den ganzen Mist auskippen. Sie brauchen Zeit. Und tun schließlich, was von ihnen erwartet wird. Die rechte mehr, die linke weniger. „Da gibt’s wohl noch Probleme mit dem Verhältnis zu deiner Mutter“, erklärt Blaubert später. Es stimmt. Andererseits – Mütter und Töchter – da entstehen oft ähnliche Spannungen wie im Verhältnis Vater und Sohn.
„Wenn ich ‚jetzt’ sage, wird ein Kribbeln durch deinen ganzen Körper gehen.“
„Jetzt.“
Das Kribbeln läuft durch Grünhilds Körper. Bis in die Fingerspitzen, die Zehenspitzen, die Kopfhaut.
Das gute Gefühl bleibt.
„Die Menschen haben Freude an dem, was du tust und freuen sich über deinen Erfolg“, ist der Satz, den Grünhild bewusst in der Erinnerung fest hält. Er tut gut.
Tut genau so gut, wie der Wohlfühlort, den Blaubert Grünhild in Erinnerung ruft und schafft damit einen Ort der Entspannung, den sie jederzeit bei Bedarf wieder besuchen kann. Ein goldener Strahl, der ihren Körper einhüllt, soll sie davor schützen, dass die Probleme anderer ihr zu nahe gehen, ihr helfen, künftig mitzufühlen statt mitzuleiden. Da sein und den anderen die Verantwortung und damit auch die Macht über deren eigene Probleme überlassen.
Ein Satz ihres Vaters fällt Grünhild ein: Der Kluge gibt nur den gebetenen Rat. Der Weise nicht einmal den.
Als Grünhild nach Hause kommt, fühlt sie sich ruhig und entspannt.
Alles wird gut.

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